Die Rückkehr der Seidenspinner

Ein junger Seidenspinner sitzt auf seinem geöffneten Seidenkokon – die Raupe hat sich erfolgreich zum Falter entwickelt
Frisch geschlüpfter Seidenspinner auf seinem Seidenkokon

Bereits im 18. Jahrhundert wurde in den Franckeschen Stiftungen mit einer Seidenraupenzucht experimentiert.

Der preußische König Friedrich II. erhoffte sich, durch eigene Seidenproduktion die Abhängigkeit von den teuren Importen aus China zu umgehen. Mit königlichem Befehl und einer Schenkung von 330 Maulbeerbäumen konnte die Seidenraupenzucht 1744 aufgenommen und tatsächlich Rohseide produziert werden. Nach anfänglichen Erfolgen führten jedoch Krankheitsschäden und widrige klimatische Bedingungen zu einem Einbruch der Erträge, so dass im Jahr 1805 der Seidenbau gänzlich eingestellt wurde. 213 Jahre später, im Jahr 2018, ist es Cornelia Jäger gelungen, erneut Seidenspinnerraupen schlüpfen zu lassen. Im Rahmen der umweltpädagogischen Angebote im Pflanzgarten können die Kinder das Wachsen und die Wandlung vom Ei zum Falter miterleben. 

Im Rahmen der umweltpädagogischen Angebote im Pflanzgarten konnten Kinder das Wachsen und die Wandlung vom Ei zum Falter miterleben.

Nach dem Schlüpfen hatten die kleinen Raupen erst einmal großen Hunger. Glücklicherweise stehen auf dem Gelände der Franckeschen Stiftungen noch vier Maulbeerbäume. Mehrmals täglich wurden die Raupen mit frischen Maulbeerblättern versorgt, damit sie wachsen und sich nach ca. einem Monat verpuppen können – denn: hungrige Raupen verschlingen Unmengen. Dank der regelmäßigen Fütterung und gleichmäßiger klimatischer Bedingungen wuchsen die Raupen rasant. Nach vier bis fünf Wochen waren die Seidenraupen groß genug. Sie begannen, ihren Seidenfaden zu spinnen und sich in ihrem Kokon zu verpuppen. Die Kinder hatten dafür Gestelle gebaut, die den Raupen helfen sollen, sich daran zu verpuppen.

Der Kokon besteht aus einem einzigen bis zu 900 Meter langen Seidenfaden. Der Bau des Kokons dauert ca. 3 bis 4 Tage. Danach verwandelt sich die Raupe in einen Falter. 
Manche der Seidenraupen hatten es nicht geschafft, einen Kokon zu bauen. In der freien Natur wären sie wohl eine zu offensichtliche Beute für Fressfeinde. Im Schutz unseres Pflanzgartens begannen sie aber mit dem Verpuppungsprozess. Die Schulgartenkinder konnten beobachten, wie sich die Raupe immer mehr zusammenzieht und verfärbt.

Eine Hand hält eine Seidenspinner-Puppe ohne Kokon und zeigt die Entwicklungsstufe vor der Verwandlung zum Falter
Seidenspinner-Puppe ohne Kokon – Naturkundliche Darstellung

Drei Wochen mussten sich die Kinder gedulden, dann konnten sie das Wunder der Metamorphose bestaunen: Die ersten Falter trauten sich ans Tageslicht und schlüpften aus ihren Kokons. Durch ein winziges Loch im Kokon, das sie mit einer ätzenden Darmflüssigkeit geschaffen hatten, kämpften sie sich ins Freie. Sobald es der Kopf durch das Loch geschafft hatte, ging alles ganz schnell und der Seidenspinner war als Falter zurück. Direkt nach dem Schlüpfen wirkten die Falter noch recht benommen. Fliegen werden sie gar nicht. Sie warteten auf ihre Artgenossen, um mit der Paarung zu beginnen. Mehrere Stunden dauerte die Paarung der Seidenspinner. Kann man die Weibchen von den Männchen unterscheiden? Die Kinder des Schulgartens hatten ihre eigene Theorie: »Die Weibchen sind dicker«, schlussfolgerten sie. Das erscheint logisch, vor allem, wenn die Weibchen kurz vor der Eiablage sind. Zwischen 400 und 500 Eier legt ein einziges Seidenspinner-Weibchen ab. Kurz nach der Eiablage sterben die Falter.

Die Geschichte des Seidenbaus in Preußen

Anfang des 18. Jahrhunderts kam mit den Hugenotten die aus China stammende Kunst des Seidenbaus nach Preußen. Die Seidenraupenzucht galt bald als Zauberformel, um das preußische Außenhandelsdefizit zu bekämpfen und den Staatshaushalt zu sanieren. Der preußische König ordnete deswegen an, überall im Land Maulbeerbäume anzupflanzen, um Myriaden hungriger Raupen hochzupäppeln, aus deren Kokons dann wertvolle Seidenfäden gewonnen werden sollten. Am 17. Februar 1744 wies Friedrich II. (1712–1786) per Befehl auch das Hallesche Waisenhaus an, eine Maulbeerbaum-Plantage für die Seidenraupenzucht anzulegen »zu deren Anrichtung und würcklichen cultivirung die Waysen Kinder gebrauchet und beständig angeführet werden sollen […]«. 

Unter dem Direktor Gotthilf August Francke (1696–1769) entstand dort, wo heute die Hochhäuser in der Voßstraße stehen, aus einem Grundstock von 330 geschenkten Pflanzen in den folgenden zwei Jahren eine Baumschule mit über 4.600 größeren und 15.000 jungen Maulbeerbäumen. Denn nur mit deren Blättern lassen sich die Seidenraupen füttern. 

Im Archiv gibt es über dieses aktuelle Thema des 18. Jahrhunderts viele Aufzeichnungen bis hin zu Zeichnungen und historischer Fachliteratur. Drei Jahre später begann hier die Produktion von Rohseide. 1805 musste der Seidenbau aufgrund der widrigen klimatischen Bedingungen in ganz Preußen eingestellt werden. Seidenraupen sind empfindlich und eigentlich in wärmeren Regionen zu Hause.

Kontakt

Profilbild
Cornelia JägerProjekt Bildung für nachhaltige Entwicklung+49 345 2127 472