Um die Selbstversorgung des Halleschen Waisenhauses und der zugehörigen Einrichtungen zu sichern, erwarben die Franckeschen Stiftungen bereits im 18. Jh. zusätzliche landwirtschaftliche Güter im Umland von Halle, so u.a. in Kanena, Beesen, Ammendorf und auch in Berga (Kyffhäuser).
Geschichte des Stiftsguts Stichelsdorf
Die letzten Pächter vor und während des 2. Weltkrieges (1932 bis 1945) waren Wilhelm und Martha Frenz aus Württemberg. Durch Zupachtungen von Bauern aus Peißen, dem Erbhof Tornau, der Kirche, der Stadt Halle und Otto in Passendorf betrug die bewirtschaftete Fläche damals insgesamt ca. 190 ha. Angebaut wurden v.a. Getreide, Zuckerrüben, Luzerne, Frühkartoffeln und Gemüse. Zudem wurden neben ca. 70 Milchkühen auch ca. 165 Schweine und 500 bis 750 Legehennen gehalten. Zusammen mit der Milchlieferung an die Zentralmolkerei in Halle wurden täglich Milch, Eier, Frischgemüse und Kartoffeln in die Franckeschen Stiftungen sowie an das St. Barbara Krankenhaus geliefert.

Mit ihrer Auflösung verloren die Stiftungen 1946 auch das Gut Stichelsdorf. Auf dem Gelände entstanden eine Gefriertrockenanlage, eine Gewächshausanlage mit Heizwerk und Wohnbauten mit 12 Wohnungen. Gescheiterte Privatisierungsversuche führten zur Stilllegung der Gefriertrocknung. 1997 wurden 27 ha des alten Gutes mit Wohnhaus, Hof, Stallungen, Scheune und Gewächshäusern aus dem Privatisierungsbereich herausgelöst und den Stiftungen rückübertragen. Erst 2001 wurden auch die restlichen Flächen wieder Eigentum der Franckeschen Stiftungen.
In den Jahren 1999 bis 2008 war die Jugendwerkstatt »Bauhof« auf dem Gut tätig. Gemeinsam mit den Stiftungen entwickelte die Einrichtung ein Konzept zum Aufbau eines ökologischen Landwirtschaftsbetriebes und eines ökopädagogischen Zentrums und bot altersübergreifend für Gruppen, Vereine und Schulklassen Ökologie »zum Anfassen« an.
Seit 2010 betreiben die Franckeschen Stiftungen das Gut wieder in Eigenregie. Als außerunterrichtlicher Lernort steht das Gut den Bildungseinrichtungen der Stiftungen zur Verfügung. Der Dreiseitenhof, der Bauerngarten und der Naturlehrpfad ermöglichen zu jeder Jahreszeit besondere Erlebnisse für Kinder, Jugendliche und Familien. Von 2016 bis 2018 unterstützten Geflüchtete aus Syrien die Arbeit des Familienzentrums vor Ort in fünf Einsatzstellen des Bundesfreiwilligendienst mit Flüchtlingsbezug.

Seit Herbst 2023 wird hier durch den Kinderbauernhof Halle Gemüse angebaut und Tiere beleben den Hof. Schulklassen können an Projekttagen oder bei mehrtägigen Veranstaltungen mit oder ohne Übernachtung im Gästehaus ein ökologisches und tiergestütztes Programm erleben. Weitere Angebote, Workshops und Veranstaltungen stehen Jugendlichen (ab 16 Jahren), Familien und Erwachsenen zur Verfügung.
Langfristig möchten die Projektpartner die aufgebauten Strukturen sichern, Mitarbeitende langfristig binden und weitere pädagogische Nutzungen entwickeln, um das Stiftsgut Stichelsdorf dauerhaft als Lernort für nachhaltige Entwicklung in der Region zu verankern.
